all-access-lounge.de

 

Hin und wieder dürfte sich Hendrik Weber zuhause als Tourist fühlen, so rastlos wie er unter seinem Namen Pantha du Prince um den Globus tigert. Zwischen den Reisen gilt es dann unterschiedliche Zustände zu genießen bzw. durchzustehen: das posteuphorische High, die Jet-Lag-Verpeiltheit, die allgemeine Ermattung. Musik hilft dabei und heilt. Die neue „Coming Home“-Ausgabe ist ein musikalisches Tagebuch, das Webers sanfte und kontemplative Temperamente zwischen den Reisen durch die Songs anderer zum Ausdruck bringt. Es handelt sich um Lieblingsmusik, die Hendrik Weber nach eigenen Worten geholfen hat, sich nicht selbst zu verlieren, um Mittel gegen die Zerstreuung und  Lifesaver-Lieder im besten Sinne also.


Das Spektrum dieses musical diary ist so breit wie die Einflüsse auf Pantha du Prince-Platten, es reicht von Pop-Klassizismus (The Clientele) über Psychedelia (The United States of America) bis hin zu Post Punk (This Heat) und Krautrock (La Düsseldorf).

Premiere: Weil Hendrik Weber ganz weit ausholen musste, erscheint eine „Coming Home“-Ausgabe erstmalig als Doppel-CD. Wiederkehrende Begleiter durch die zwei Stunden sind ausgewählte Preziosen aus E-Musik und moderner Klassik, beides langjährige Referenzpunkte von Pantha du Prince. Selbst der nerdige Experte kann dabei Ungehörtes entdecken, beispielsweise die schrulligen Avantgarde-Eskapaden von Ellen Fullman, die ihr selbstgebautes Streichinstrument mit harzbedeckten Fingern spielt, oder ein leuchtendes Minimal-Stück des Berliner Klangkünstlers Jörg Hiller alias Konrad Sprenger. Als exklusive Dreingabe findet sich ein neuer Track von Webers allererstem Projekt Glühen 4, das er jetzt endlich reaktiviert hat.

Weber gilt vielen als Spätromantiker, der es schafft, mit seinen Techno- und House-Entwürfen Vehemenz und Intimität in Eins zu bringen. Auf „Coming Home“ sind physisch fordernde Beats nicht zu finden, passend zum tagebuchartigen Ansatz zelebriert Weber seine Freude an der kleinen Geste. Die zurückhaltende Raschelmusik von Autechre und die entwaffnende Schüchternheit von Arthur Russell setzen hier gleich zu Beginn Maßstäbe, das berührende „Adolescence“ von Kai Althoffs Band Workshop bekräftigt diese Grundhaltung ganz zum Schluss. Selbst da, wo wie in Marvin Gayes hochaktueller Zeitdiagnose „What’s Going On“ die gesellschaftlichen Verhältnisse direkt adressiert werden, bleibt die Haltung fragend und zweifelnd. Immer wieder werden zarte Saiten aufgezogen, an mehreren Stellen sorgen Streicher für eine monochrome bis meditative Anmutung.

Weber selbst sagt, dass diese Songs für ihn eine temporäre Heimat schaffen. Als Hörer fühlt man sich selbst dann gut aufgehoben, wenn man sich „lost in music“ wähnt, was in den repetitiven (William Basinski) oder erratisch ausfransenden (La Düsseldorf) Passagen leicht passieren kann. Das Heimatgefühl ist nicht das einer bürgerlichen Komfortzone, die Stimmungslage driftet oft ins Unbestimmte und Unheimliche, und das nicht nur in den verwunschenen Hauntology-Sounds von Broadcast. Es geht Weber beim daheim Musikhören offenbar um eine Ausweitung der inneren Geografie, nicht um eine sichere Verortung in den schöner bewohnten vier Wänden.

In langsam tastenden Suchbewegungen ergeben sich in dieser musikalischen Erzählung Verbindungen und Resonanzen, ein quasi filmischer Raum tut sich auf. Clusters imaginärer Roadtrip „Hollywood“ bringt das „So nah und doch so fern“-Gefühl wunderbar zur Sprache. Apropos Hollywood: Während eines längeren Aufenthalts an der Villa Aurora in Los Angeles begab sich Weber vor einigen Jahren auf die Spuren alternativer Lebensgemeinschaften. Diese wichtige Inspirationsquelle wird auf seinem „Coming Home“-Mix durch The West Coast Pop Art Experimental Band und den gitarrenlosen Psychedelic Rock von The United States of America angetriggert. Der

The United States of America-Song „Stranded In Time“ erzählt vom Horror der bürgerlichen Kleinfamilie überhaupt spielen viele Lieder jenseits geschlossener Gemeinschaften, Ornette Colemans „Science Fiction“ (mit Babygeräuschen) oder der kosmische Minimalismus von La Düsseldorf bringen die irdischen Filterblasen gnadenlos zum Platzen. In den besten Momenten auf dieser Compilation werden wir Zeugen magischer Stimmungstransfers und unwahrscheinlicher Begegnungen - wenn etwa unverhofft der Elektronika-Virtuose Squarepusher und der Elektroakustik- Komponist Dresher ins Gespräch kommen. This Heat reimen dazu in “Sleep” lakonisch und wahr: “It doesn't cost much to keep in touch.” In diesem Sinne erzählt Pantha du Prince in seinem Journal von der utopischen Zwischenmenschlichkeit, die Musik innewohnen kann. Ganz entspannt und ohne belehrend zu sein. Was braucht man mehr in diesen Zeiten?

Die Doppel-CD erschien am 1. Dezember 2017.

 

Aram Lintzel